Kolumne Gemeindepräsident: Entscheiden
Stellen Sie sich vor, Sie bereiten sich auf eine Gemeindeversammlung vor und fragen eine künstliche Intelligenz (KI), ob Sie einem Geschäft zustimmen sollen. Die Antwort klingt überzeugend. Doch ist sie auch sachlich richtig und ausgewogen? Welche Argumente fehlen möglicherweise? Und würde jemand anderes auf dieselbe Frage die gleiche Antwort erhalten?
In früheren Kolumnen habe ich mich mit dem Wert des Kompromisses und der Bedeutung des Dissenses auseinandergesetzt. Beides spielt eine wichtige Rolle, wenn wir gemeinsam entscheiden, obwohl wir unterschiedliche Interessen, Erfahrungen und Überzeugungen haben.
Die Entwicklung der KI könnte unsere Entscheidungsfindung grundlegend verändern. Sie kann umfangreiche Informationen aufbereiten, Argumente gegenüberstellen und unterschiedliche Lösungsvarianten vergleichen. Allerdings kann sie auch Fehler machen, Informationen einseitig gewichten oder wichtige Zusammenhänge ausser Acht lassen. Ob ihre Antworten tatsächlich zu einer fundierteren Meinungsbildung beitragen, hängt deshalb wesentlich davon ab, wie kritisch wir damit umgehen.
Für unsere direkte Demokratie stellt sich damit eine grundlegende Frage: Was geschieht, wenn sich Stimmberechtigte zunehmend auf individuell erzeugte Erklärungen und Empfehlungen zu politischen Vorlagen stützen? Einerseits könnten komplexe Themen leichter zugänglich werden. Andererseits besteht die Gefahr, dass gemeinsame Informationsgrundlagen verloren gehen und die öffentliche Meinungsbildung zunehmend durch KI-Systeme beeinflusst wird.
Bei persönlichen Entscheidungen stehen häufig unsere eigenen Vorstellungen im Vordergrund. Politische Entscheidungen gestalten hingegen unser Zusammenleben, auch wenn wir an der Urne einzeln abstimmen. Deshalb sind der Austausch und das Verständnis für andere Interessen und Sichtweisen wichtig.
Die Philosophin Magdalena Hoffmann betont, dass es beim gemeinsamen Entscheiden nicht darum geht, jeden Dissens zu beseitigen. Entscheidend ist vielmehr zu erkennen, wann Konsens notwendig ist, wann ein Kompromiss ausreicht und wann wir unterschiedliche Meinungen aushalten müssen. Auch wer mit einem Entscheid nicht einverstanden ist, soll darauf vertrauen können, dass seine Argumente gehört und ernst genommen wurden.
Damit gewinnt eine weitere These von Magdalena Hoffmann an Bedeutung: «Die Kunst des gemeinsamen Entscheidens anerkennt die soziale Dimension von Entscheidungen. Die soziale Dimension wird in einer KI-geprägten Lebens- und Arbeitswelt erfolgskritisch sein.» Deshalb wird es umso wichtiger einander zuzuhören, unterschiedliche Meinungen zu respektieren und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen weiterhin viele goldene Herbsttage und nach der langen Trockenheit auch ein paar Regentropfen.
Ihr Gemeindepräsident
Manfred Leu